Vorstellungskraft und Chi !
Ein weiterer Schlüssel zu
Verständnis der Kampfkunstpraxis ist die Erkenntnis,
daß Vorstellungskraft und Chi eng zusammenspielen und
während des Übens einander folgen. Die führende Rolle übernimmt dabei
die Vorstellungskraft. Mit Vorstellungskraft (yi) sind geistige,
gedankliche Aktivitäten gemeint. Mit Chi sind hier im weitesten Sinne
die physiologischen Aktivitäten unseres Organismus gemeint.
Diese inneren Bewegungen und Veränderungen können wir nach längerer Übungspraxis auch empfinden, etwa in Form von Wärme, dem Gefühl des Durchströmtwerdens oder feiner innerer Bewegung. Wir sprechen dann von Chi - Gefühl bzw. Chi - Fluß.
Alle unsere Gedanken und Vorstellungen haben Einfluß auf die physiologischen Vorgänge in unserem Körper. Ein alltägliches Beispiel zeigt dies deutlich. Wenn wir an eine köstliche Speise denken, läuft uns das Wasser im Mund zusammen, auch wenn weit und breit nichts zu Essen da ist. Die Vorstellungsübungen, die wir in der Kampfkunst benutzen, wirken regulierend und stärkend auf die Funktionen unseres Organismus, sie harmonisieren und kultivieren das Chi.
„Vorstellungskraft und Chi folgen einander“ besagt also, daß der Übende durch eigene geistige Tätigkeit physiologische Prozesse beeinflußt. Das enge Zusammenspiel von Chi und Chi wird stufenweise geübt. Die „Vorstellungskraft führt das Chi und Chi folgt der Vorstellungskraft“ ist die erste Stufe. Nach längerer Übungspraxis sind Vorstellungskraft und Chi in völligem Einklang: „Vorstellungskraft und Chi folgen einander“.
In vielfältigen Übungsmethoden wird das Zusammenspiel von
Vorstellungskraft und Chi praktiziert. Wenn wir z.B.
in der 2. Ausdrucksform des Taiji-Chigong „ den Mond
auf den Händen tragen“, so wird diese Vorstellung das Chi vermehrt zu
unseren Handflächen leiten, was wir etwa in Form von Wärme empfinden
können.
Wenn wir über unsere Akupunkturstelle Yongquan („Sprudelnde Quelle“) fest mit der Erde verwurzelt vorstellen, so folgt das Chi unserer Vorstellung und wir beeinflussen so eine wichtige Stelle des Fuß-Shaoyin (Nieren-Meredian). Diese Beispiele könnten wir beliebig fortsetzen.
Die Vorstellungskraft ist eine sehr starke Kraft und
deshalb müssen wir sorgsam mit ihr umgehen. Die durch sie bewirkten
physiologischen Veränderungen werden häufig unterschätzt. Niemals
sollten wir die Vorstellungskraft zu stark einsetzen, weil wir etwa auf
schnelle Erfolge schielen oder sensationelle Veränderungen in unserem
Organismus erleben möchten. Wir können die Vorstellungsübungen getrost
in Entspannung, Ruhe und Gelassenheit üben, denn ob wir
Chi-Empfindungen dadurch auslösen oder nicht, spielt nicht die
entscheidende Rolle.
Natürlich zeigt uns ein angenehmes Gefühl im Bauch an,
daß wir gut geübt haben, aber die Bedingungen der Menschen sind sehr
verschieden. Manche üben lange Zeit, ohne ein Chi-Gefühl zu
erleben, und trotzdem sind die Auswirkungen der Übung auf ihren
Gesundheitszustand sehr gut.
Andere bekommen sehr schnell Chi-Empfindungen und verlieren vor lauter Freude darüber die für die guten Wirkungen so wichtige Ruhe und Gelassenheit. Ein Maß für den richtigen Umgang mit der Vorstellungskraft ist das Wohlbefinden während und nach der Übung.
Neben der Intensität der
eingesetzten Vorstellungskraft ist auch die Wahl der Vorstellungsbilder
von Entscheidender Bedeutung für die Wirkung der Übung. Grundsätzlich
werden Vorstellungen benützt, die angenehme Empfindungen auslösen und
dem Erlangen der geistigen Ruhe und Entspannung dienlich sind.
Dazu gehört es, daß man sich die vorgestellten Dinge nicht zu exakt vorstellt, sondern nur vage. Da die gesamte Übung, also auch Körperhaltung, Bewegung und Übungsablauf von unserer geistigen Aktivität angeführt wird, ist es wichtig, alle Übungsanforderungen mit der richtigen Einstellung zu praktizieren. Wir dürfen die Übungsanforderungen nicht „vergessen“, aber auch nicht zu stark daran denken.