Einflüsse aus dem Shaolin-Kloster
Lange Zeit vermutete man, daß Chen Wang Ting, als General und Kenner der militärischen Literatur, einige Elemte aus dem "Neuen Buch der effektiven Techniken" (Ji Xiao Xin Shu) von General Qi Ji Guang (1528 bis 1587) übernommen hat.
Dieses Buch beinhaltet Strategie, den Gebrauch von Waffen und den unbewaffneten Kampf. In dem Kapitel über den unbewaffneten Kampf nennt er 32 Grund-Techniken.
Man meinte, daß Chen aus diesem Buch 29 Techniken übernommen und in das damalige Taijiquan integriert hatte. 1918 wurde dann in Shanghai ein Buch namens
"Kampfkunst-Klassiker" (Quan Jing) veröffentlicht.
In ihm werden die 32 Grundhaltungen der Kampfkunst Sung-Taizhu-Chanquan (Erster Kaiser Sung-Lange Faust) vorgestellt. Sie sind fast identisch mit General Qi´s Haltungen. Vermutlich war es diese Kampfkunst, die Chi in seinem Buch als Basis verwendete, oder seine Schriften wurden irgendwann zur Grundlage dieses Stils.
Das Sung-Taizhu-Changquan, oder auch einfach nur Changquan, stammt aus Süd-China und gehört zu den äußeren Kampfkünsten, die sich von dem Shaolin-Quanfa ableiteten. Diese Kampfkunst wird heute noch geübt. Sie besteht aus kraftvollen Techniken, Schütteln des Körpers und fließend in einander übergehenden Bewegungen, sowie aus Greif- und Kontroll-Techniken (Qinna).
Die Einflüsse kamen aber nicht nur aus dieser Kampfkunst. Die Chen-Familie übte auch den Shaolin-Stil Hongquan ("Rote Faust").
Man beachte, wie nahe beieinander das Chen-Dorf und das Shaolin-Kloster liegen! Hongquan wird in ganz Shanxi verbreitet geübt und ist ein Vorläufer des Sung-Taizhu-Changquan.
Vermutlich haben folgende Eigenschaften des Hongquan das Taijiquan beeinflußt: die tiefen Stellungen, die sanfte Muskelkraft, der Einsatz von geistiger Kraft anstatt grober körperlicher Kraft, die Energie-Übungen, die plötzlichen Kraft-Entladungen, das Anhaften an den Gegner und die nahe Distanz, in der gekämpft wird.
Die Chen-Familie übte weiterhin auch den Shaolin-Stil Paoquan ("Kanonen-Faust") bzw. Paochui ("Kanonen-Schlag"). Die Mitglieder der Chen-Familie beherrschten diese Techniken so gut, daß sie einige Zeit von ihren Nachbarn nur die "Kanonen-Schlag-Chen-Familie" (Paochui Chen Jia) genannt wurden.
Das Poaquan besteht aus drei Formen: 2 Formen der "Kleinen Kanonen-Faust" und eine Form des "Großen Kanonen-Schlags". Dieser Stil wird heute noch im Shaolin-Kloster geübt und besteht aus stabilen Stellungen und kraftvollen, explosiven Schägen und Stößen.
Es entstanden 5 Formen Chen-Familien-Paochui und eine Form des "kurzen Schlagens" (Duan Da); insgesamt 108 Techniken. Später wurde das Chen-Paochui zu 2 Formen vereinfacht.
Zusammen mit verschiedenen Stilen der äußeren Kampfkünste kamen auch verschiedene Waffen und deren Formen in das Chen-Dorf. Natürlich durfte in dieser Sammlung die bekannteste Waffe der Shaolin-Mönche nicht fehlen: der Langstock.
Er war die beliebteste Waffe der Mönche und ihr ständiger Begleiter.
Deshalb ist es nicht verwunderlich, daß er auch in der Chen-Familie großen Anklang fand. Bis heute kann man noch die Ähnlichkeiten des Chen-Stock mit den Shaolin-Formen erkennen.